Die Offenbarung ist kein Angstbuch
Das letzte Buch der Bibel gilt als das dunkelste. Dabei beginnt es mit einem Segen für den, der es liest, und endet im Licht.
Kein Buch der Bibel hat einen schlechteren Ruf als das letzte. Die Offenbarung gilt als Buch der Katastrophen, als Steinbruch für Endzeit-Spekulationen, als Lektüre, die man besser meidet. Dabei steht schon in ihrem ersten Kapitel ein Satz, der diesen Ruf widerlegt: selig ist, der da liest. Ein Buch, das Angst machen wollte, würde nicht mit einem Segen für seine Leser beginnen.
Der Schlüssel zur Offenbarung liegt ohnehin nicht in den Schrecken der mittleren Kapitel, sondern in ihrem Verhältnis zum Rest der Bibel. Sie ist das Buch, in dem die Fäden der ersten Seiten wieder aufgenommen werden: der Baum des Lebens, der in 1. Mose hinter dem Menschen verschlossen wurde, steht am Ende wieder offen. Der Fluch wird aufgehoben. Der Tod, der auf den ersten Seiten hereinkam, wird auf den letzten hinausgeworfen. Gott wohnt wieder bei den Menschen. Die Geschichte, die in einem Garten begann, endet in einer Stadt, in der abgewischt wird, was geweint wurde.
Wie man sie liest, ohne sich zu fürchten
Ein praktischer Rat für den Einstieg: lies zuerst Kapitel 1 und dann die Kapitel 21 und 22, den Anfang und das Ziel. Wer weiß, wohin das Buch unterwegs ist, kann die schweren Bilder dazwischen tragen. Sie schildern keinen Gott, der die Kontrolle verliert, sondern eine Welt, die sich gegen ihren Retter stemmt und ihn nicht aufhalten kann.
Und mitten in allem steht nicht ein Ereignis, sondern eine Person: das Lamm. Die Offenbarung beantwortet die Frage nach dem Ende nicht mit einem Datum, sondern mit einem Namen. Wer sie so liest, legt sie nicht ängstlicher aus der Hand, sondern getrösteter: das letzte Wort der Bibel ist keine Drohung. Es ist eine Einladung, und sie gilt auch dir.