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Bibelstudium11. August 2026·2 Min. Lesezeit

Ein Gleichnis ist eine Falle, und das ist gut so

Der Prophet Nathan erzählt David eine Geschichte über ein Lamm. Erst als das Urteil gesprochen ist, schnappt sie zu.

Das älteste große Gleichnis der Bibel steht nicht in den Evangelien, sondern im zweiten Samuelbuch. Der Prophet Nathan kommt zu König David und erzählt ihm von einem reichen Mann, der einem Armen sein einziges Lamm wegnimmt. David wird zornig und spricht das Urteil über den Täter. Dann sagt Nathan den Satz, der die Geschichte zuschnappen lässt: du bist der Mann.

Das ist die eigentliche Funktion eines Gleichnisses, und sie ist unbequemer, als wir es gern hätten. Ein Gleichnis ist keine hübsche Illustration für Menschen, die keine Theologie mögen. Es ist eine Falle für das eigene Urteil: du bewertest die Figuren in der Geschichte, und plötzlich merkst du, dass du über dich selbst geurteilt hast.

Wo die Falle heute zuschnappt

Genau so arbeiten die Gleichnisse Jesu, und man spürt es, sobald man sie ehrlich liest. Beim verlorenen Sohn identifizieren sich die meisten mit dem Heimkehrer, bis ihnen auffällt, dass die Geschichte für den älteren Bruder erzählt wurde: den Korrekten, der draußen steht und nicht feiern will. Beim Pharisäer und dem Zöllner betet der Fromme: ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie dieser da. Wer beim Lesen denkt, zum Glück bin ich nicht wie dieser Pharisäer, hat soeben dessen Gebet gesprochen.

Fast alle Gleichnisse Jesu erzählen dieselbe Umkehrung: die, die sicher drinnen zu sein glauben, stehen am Ende draußen, und die, die niemand auf der Liste hatte, sitzen am Tisch. Ein guter Selbsttest für jede Gleichnislektüre sind darum zwei Fragen: mit wem identifiziere ich mich gerade gern? Und welche Figur übersehe ich, weil sie mir unangenehm ähnlich ist? Die zweite Antwort ist fast immer die wichtigere.